Brunello 2021
Blitzstarter mit langem Atem
Autor: Willi Klinger
Ich beneide meine sehr geschätzte Kollegin Daniela Dejnega, die auf der letzten offiziellen Jahrgangspräsentation „Benvenuto Brunello“ im November 2025 den Jahrgang 2021 von 120 Weingütern in Montalcino probieren konnte. Er ist heuer im ersten Quartal auf den Markt gekommen und wurde vom Consorzio Brunello di Montalcino erstmals nicht mit den üblichen Sternen bewertet. Da hätten sie wohl wieder das Maximum von fünf auspacken müssen wie für 2010, 2015, 2016, 2019 und 2020.
Für den 2021er kam jedoch erstmals das neue System „Brunello Forma“ zum Einsatz, das neben den Verkostungsergebnissen meteorologische und historische Daten auswertet. „Auf dieser Grundlage einigten sich das Consorzio und ein Verkostungsteam von acht Masters of Wine auf „fragrante, definito e verticale“ als Beschreibung der Charakteristik von 2021, was sich gut mit „duftig, präzise und vertikal“ übersetzen lässt und im Tasting durchaus nachvollziehbar war“, berichtet Daniela auf ihrer Seite danieladejnega.com.
Auch Eric Guido vom führenden US-Newsletter „Vinous“ schwärmt: „Die 2021er Brunellos haben etwas Magisches an sich. Die Weine bieten sowohl frühe Zugänglichkeit als auch die Ausgewogenheit für ein Reifepotenzial für die nächsten 15–20 Jahre.“
Derart gebrieft, machte ich mich im April auf der Vinitaly in Verona daran, die aktuellen Weine der Brunello-Weingüter im WEIN & CO Programm zu verkosten und den Jahrgang mit den Weinmachern zu diskutieren.
Die Preis-Leistungs-Brunellos unter € 50,–
Es ist erfreulich, dass man immer noch eine erkleckliche Anzahl Brunellos unter € 50,– findet. Allerdings wird so mancher dieser Weine dem Anspruch des italienischen Aushängeschildes nicht gerecht. Gegenüber solchen Allerweltsbrunellos bevorzugen Sangiovese-Fans wieder vermehrt eine gute Chianti Classico Riserva wie Marchese Antinori oder Caparsino von Caparsa. Auch eine Chianti Gran Selezione dieser Preisklasse fordert den Brunello heraus, zum Beispiel Castello di Brolio, Fonterutoli oder Casa Emma. Unsere Kund:innen sind aber Jahr für Jahr von der Kontinuität und verlässlich guten Qualität der „normalen“ Brunellos von Altesino und Tenuta Il Poggione begeistert, von denen auch die weniger spektakulären Jahrgänge überzeugen. Hier meine „Betriebsanleitung“: Man wirft ein gut abgelegenes T-Bone Steak auf den Grill – in der Toskana heißt das „Bistecca Fiorentina“ – schenkt einen kellerkühlen Altesino oder Poggione ein, und alle sagen „Bingo“, besonders, wenn es ein Jahrgang wie 2021 ist, den man heuer schon antrinken kann, wenngleich ein paar Jährchen mehr Reife auch hier kein Fehler wären.
The Next Step: Brunello unter € 100,–
Das ist vielleicht die interessanteste Kategorie, wenn der Preis noch irgendeine Rolle spielt. Da muss das Chianti-Gebiet dann schon seine besten Pferde an den Start bringen, wie zum Beispiel den phänomenalen 2021 „UNO“ der Tenuta di Carleone um € 70,–, der sogar in der Brunello Superliga gute Figur machen würde. Weich, balsamisch und mundfüllend kommt dagegen der Mastrojanni-Brunello daher, der seine Pflöcke im Carré der traditionellen Brunello-Fans einschlägt. Dem tritt der stilistisch diametral anders gestrickte klassische Le Ragnaie entgegen. Riccardo Campinoti bewirtschaftet die höchsten Lagen des ganzen Gebietes und setzt auf einen schlanken, präzisen und von frischen Beeren und Kräutern im Duft geprägten Stil. Sein Einstiegs-Brunello ist ihm 2021 super gelungen. In diese Richtung tendiert auch die Familie Gaja, die gleich neben Le Ragnaie am Passo del Lume Spento neue Weingärten ausgepflanzt hat. Die jungen Reben aus der Höhenlage tun dem Basisbrunello von Gajas Pieve Santa Restituta richtig gut. Sicherlich: die Einzellagen „Rennina“ und „Sugarille“ spielen in einer anderen Liga. Aber der kleine Bruder mit dem edlen Goldetikett, das an Philipp Hochmairs Jedermann-Kostüm erinnert, mischt in der Preisklasse unter € 100,– ganz oben mit. Dagegen muss Altesino schon seinen Lagen-Brunello Montosoli auspacken, der sehr gute Anlagen hat, aber sicherlich noch Flaschenreife braucht.
Die Brunello-Spitze
Hier kommen wir zu der nach oben offenen Sangiovese-Skala, Spitzenbrunellos im Ultra-Premium-Bereich. Der Inbegriff des Weltklasse-Brunellos ist dabei der legendäre Kultwein aus der Lage Madonna delle Grazie von Il Marroneto für stolze € 399,–. Alessandro Mori und sein Sohn Jacopo haben bereits im Jahrgang 2020 mit diesem Wein bei Falstaff, Parker und Vinous 98 und bei Suckling sogar 99 Punkte bekommen. Nach meiner Verkostung bin ich gespannt, was die Kritiker jetzt machen. Eigentlich müssten sie die Skala nach oben erweitern, den beim noch besseren Jahrgang 2021 kommt sogar der gar nicht „normale“ Brunello aus der Lagencuvée um € 119,– punktemäßig ans Limit.
Der Individualist
Und dann wären da noch die Einzellagen des bereits erwähnten Riccardo Campinoti und seiner Frau Jennifer vom Weingut Le Ragnaie. Sie sind insgesamt frischer und schlanker, aber nicht weniger engmaschig als die Granaten von Il Marroneto. Mein Eindruck war, dass sie ihr Pulver nicht gleich verschießen und sich in dieser Phase eher so zeigten, wie man große Brunellojahrgänge traditionell erwartet: dicht, fest und mit präsentem Tannin. Eric Guido nannte solche seltenen Gewächse die 20-Jahre-Plus-Brunellos. Für mich hatte heuer bei Le Ragnaie der Casanovina Montosoli die Nase vorn. Aber das sagt gar nichts, denn ich rühre ja noch nicht einmal meine 2016er an.