Große Burgunder für kleines Geld
In den historischen Weinlagen der Côte d’Or, die den Rebsorten Chardonnay und Pinot Noir zu ihren schönsten Ausprägungen verhelfen, entstehen viele der größten Weine der Welt.
Leider werden von manchen Weinen von kleinen, stark parzellierten Grand-Cru-Lagen nur wenige hundert Flaschen produziert, die dann für den gesamten Erdball reichen müssen. Besonders bei bekannten Marken führt das zu einem teils exorbitanten Preisanstieg. Wer sich aber abseits der ausgetretenen Pfade und großen Namen umsieht, findet Gebiets- und Ortsweine von aufstrebenden Weingütern, die mehr denn je ein grandioses Preis-Leistungsverhältnis bieten.
Jahrgang 2019
Der Jahrgang 2019 hat einiges zu bieten. Die Witterungsbedingungen waren von viel Wärme und Trockenheit geprägt. Die Lese war unterdurchschnittlich, was auch an den kleineren Trauben und Beeren lag. Kühle Nächte sorgten für eine gute Frische, und verleihen diesen reifen, kräftigen Weinen nun ein gutes Gleichgewicht.
► Es ist ein Jahrgang, der alles kann: Opulenz und Vielfalt, aber auch Präzision und Frische. Burgunderspezialist Allen Meadows spricht in seinem Burghound-Report von einem exzellenten Jahrgang, der das Zeug hat, sich in die großen Neunerjahre 2009 und 1999 einzureihen.
Die ausgezeichnete Qualität zeigt sich nicht nur bei Grands und Premiers Crus, sondern ist durchaus homogen und zieht sich bis ins Einstiegssegment, da auch die Gebietsund Ortsweine die Chance hatten, ausgezeichnete, reife Tannine bei zugleich guter Balance zu erreichen.
Pierre Girardin
Der 21-jährige Pierre-Vincent Girardin aus Meursault bereitet mit 2019 erst seinen dritten Jahrgang.
Den größten Markterfolg feierte er mit dem „einfachen“ Chardonnay Éclat de Calcaire. Die Zusatzbezeichnung beschreibt den Wein bereits als mineralisch-saftige Kreszenz mit dem so typischen Kreidegeschmack. Er zeigt zudem zart buttrige Noten vom Eichenfass, perfekt integriert, mit zitronenfrischem Finish – ein burgundischer Chardonnay der Extraklasse.
Pierre kann aber nicht nur mineralische Weißweine, er erwarb sich auch mit eleganten, engmaschigen, seidigen Pinot Noirs einen Namen. Die Trauben für seinen Pinot Noir Éclat de Calcaire stammen zu zwei Drittel aus Pommard und einem Drittel aus Volnay, der Wein selbst ist von einem unaufdringlichen und puristischen Stil gezeichnet. Eine frische Veilchen-aromatik führt zu einem subtilen Gewächs mit feiner Struktur.
Jean-Michel Guillon & Fils
Jean-Michel Guillon, der Henri-Jayer-Schüler aus Gevrey-Chambertin, stimmt in den Jubel über den 2019er-Jahrgang mit ein. Sein Traubenmaterial war trotz recht später Lese äußerst sauber – eine perfekte Grundlage.
Sein Bourgogne Les Graviers von Weingärten aus Chambolle-Musigny zeigt hochtönende Schwarzkirschfrucht. Der Wein ist würzig, fast ätherisch und ausladend, wie man es nur in Burgund findet.
Jean-Michel Guillon hatte noch ein paar letzte Flaschen seines hervorragenden Marsannay von der Monopollage Clos des Portes aus dem ebenfalls sehr guten Jahrgang 2018: Im Antrunk zeigt er erfrischend-mineralisch unterlegte, tiefdunkle Früchte, dann ganz zart erste tertiäre Aromen (würzige Reifearomen, die durch die Lagerzeit entstehen). Ein Wein, der bald aufzublühen beginnen wird und jetzt schon viel Spaß bereitet. Hier zeigt Burgund bereits seine herrliche Geschmackstiefe.
Domaine Confuron-Gindre
In Vosne-Romanée hat Edouard Confuron gerade sein neues Weingut an der prominenten Adresse Rue de la Tâche Nr. 2 fertiggestellt. Erst vor wenigen Jahren hat er den 11- Hektar-Betrieb übernommen, doch bereits seine ersten Weine lassen Großes erhoffen. Edouard arbeitet zu 80% mit Ganztraubenpressung, bevorzugt natürliche Fermentation und sanfte Extrahierung mit Füßen.
Durch den Kellerbau ist er mit dem 2019er Jahrgang in Verzug, aber als Vorboten hat er schon einmal seinen Aligoté geschickt. Er stammt von alten, in Kalkböden verwurzelten Rebstöcken am unteren Rand des Hangs und ist von Zitrusfrische und Spannung geprägt. Edouard empfiehlt ihn gerne zu Meeresfrüchten und Fisch.
Domaine Prieur-Brunet
Wer etwas tiefgründigeren und auch schon reiferen weißen Burgunder sucht, ist mit dem 2017er Santenay Blanc von der Domaine Prieur-Brunet bestens beraten. Die Wurzeln des Weinguts gehen bis 1804 zurück, inzwischen wird es von Louis Jadot bewirtschaftet. Die Rebstöcke, die auf dem Hügel direkt über dem Ort Santenay liegen, gedeihen ebenfalls auf kalkhaltigen Böden. Ein Drittel neues Holz und 15 Monate auf der Feinhefe prägen den Wein, der mineralische Frische und Anklänge von Haselnuss zeigt. Beim ersten Schluck dieses Weins wird klar: Auch Santenay ist einer jener unterschätzten Orte, die viel Wein fürs Geld bieten.
Bouchard Père & Fils
Bouchard Père & Fils präsentiert mit dem Bourgogne Pinot Noir Coteaux des Moines ein hervorragendes Beispiel für die zuvor angesprochene Homogenität des Jahrgangs bis in die Einstiegsweine. Der Parade-Regionalwein des größten Grand-Cru-Besitzers stammt mehrheitlich von sandigen und lehmigen Böden und kombiniert reife Kirschfrucht mit trinkfreudiger Saftigkeit.
Bei unserem letzten Besuch vor Ort wurde uns ein 1971er Savigny-lès-Beaune 1er Cru Les Lavières serviert: aufgeblüht, vielschichtig, aber dennoch straff und von bemerkenswert fester Struktur. Ein unglaublich beeindruckender Wein von einer unscheinbaren Lage. Der 2017er ist der aktuelle Jahrgang in den WEIN & CO Regalen und zeigt ähnliche Ansätze wie der 1971er, die noch recht zart und verschlossen sind, sich mit den Jahren aber gewiss entfalten werden.
Feine Burgunder wie diese beweisen, dass die Suche nach den versteckten Werten dieses faszinierenden Gebiets heute mindestens genauso verlockend ist, wie das Herunterbeten der Nomenklatura mit dem großen Portemonnaie.